Steigerung der Kompetenz zur Informationsverarbeitung im Alter (Projekt KLASSIK)

Ist es möglich, auch noch im Alter diejenigen kognitiven Fähigkeiten zu steigern, die zur Bewältigung komplexer, problemhaltiger Alltagsaufgaben erfordert sind? Dieser Frage geht das Forschungsprojekt einem KLASSIK nach. Es ist darauf angelegt, älteren Menschen die Beherrschung und Anwendung metakognitiver Techniken zu ermöglichen, da Metakognition als Schlüsselkompetenz für Problemlösungsprozesse anzusehen ist.

 

Das Projekt KLASSIK verfolgt das Ziel, älteren
Menschen kognitive Situationsmächtigkeit zu ermög-
lichen. Diese ist gebunden an die Verfügung über geeig-
nete Werkzeuge. Einem solchen Denkwerkzeug, soll es
voll wirksam sein, müssen kognitive und metakogniti-
ve Strategien unterliegen. Nur sie sind - lässt man gewis-
se Grenzen einmal außer Acht - universell einsetzbar.

 

Strategien können aber nicht im luftleeren Raum
erprobt werden, es bedarf eines Gegenstandes, am
besten aus konkreten Lebenskontexten. Problemhaltige praktische Situationen sind auch Gegenstand von BALL (Bearbeitung problemhaltiger Aufgaben aus dem Alltag), der die Performanz vor und nach der Trainingsphase erhebt.Die Auswertung dieser Test ermöglicht,
die vom Einzelnen erreichte Leistungsstufe zu ermitteln.

 

Leistungsstufen als Kompetenzgrade

 

Diese Leistungsstufen stehen in einem hierarchischen Aufbau derart, dass die jeweils höhere die davor liegenden Leistungsmöglichkeiten und Strategien einschließt und voraussetzt. Entsprechend stuft sich auch
die Komplexität und Differenziertheit des metakognitiven Zugriffs auf.

Leistungsstufen:

1: Einfache Informationen in den bereitgestellten Materialien werden aufgefunden.

2: Isolierte Informationselemente werden unter Anwendung einfacher Erschließungsalgorithmen, etwa „wenn..., dann...“, identifiziert.

3: Auf dieser Stufe geht es primär um die Umstrukturierung vorfindlicher Informationen und ihre Überführung in eine andere Präsentationsform, was in erster Linie organisierende Strategien erfordert.

4: Über die bisher erfolgten Zugriffe hinaus sind nun zusätzlich komplexe Zusammenhänge zu erschließen. Dazu müssen Beziehungen zwischen unterschiedlichen gegebenen Informationen hergestellt, Arbeitshypothesen falsifiziert beziehungsweise verifiziert und Schlussfolgerungen gezogen werden. Zum Einsatz kommen hauptsächlich elaborierende Strategien.


Vom kognitiven Anforderungsprofil her gesehen besteht eine qualitative Differenz zwischen den beiden ersten und beiden folgenden Niveaus.

Graphisch dargestellt ergibt sich folgendes Bild:

 

Unterschiede in der Fägigkeit zur Informationsverarbeitung am Ende der Kurse

Wenn die Versuchsseminare den Fokus derart dezidiert auf Metakognition legen, müsste sich am Ende der Kurse diese didaktische Akzentsetzung auch in entsprechenden Einstellungen und Überzeugungen dieser Teilnehmergruppe widerspiegeln. Eine solche subjektive Dimension lässt sich über einen Vergleich der Einstellungen zu Lernen und dabei ins Spiel kommender metakognitiver Elemente erfassen.

 

Tatsächlich ergeben sich bei der Enderhebung in der Gegenüberstellung von Versuchs- (Vs) und Vergleichsgruppe (Vg) Unterschiede, die zu Anfang nicht bestanden:

 

Die Grundfrage des Projekts lautet: Hat sich also das metakognitive Training tatsächlich für die Versuchsgruppe ausgezahlt?

 

Die Antwort lautet eindeutig ja. Die Versuchsgruppe hat im Durchschnitt ein signifikant höheres Leistungsniveau erreicht als die Vergleichsgruppe (t114 =2,63; p =.01; d = 0,5). Das Leistungsniveau in der Versuchsgruppe liegt bei 3,1, das der Vergleichsgruppe bei 2,7 Punkten. Der F-Statistik entsprechend (Bortz/Döring 2009; Murphy/Myors 2004), liegt die Testpower für dieses Ergebnis bei Überprüfung der Nil-Nullhypothese
(H00, d.i. traditionelle H0-Hypothese) bei 72 Prozent.

 

 

Alle weiteren Ergebnisse auf einen Blick


 

  • Ältere Menschen sind in der Lage, ihre Fähigkeit zur Lösung komplexer Probleme aus dem Alltag zu steigern.

 

  • Die Steigerung ist gebunden an die Beherrschung metakognitiver exekutiver Kompetenzen: an die Fähigkeit, den Problemlösungsprozess metakognitiv zu planen, zu steuern und zu kontrollieren.
  • Angeeignet ist diese Kompetenz mit der konsequenten Anwendung metakognitiver Techniken. Dazu zählen insbesondere: Selbstbefragungstechnik, paarweises Problemlösen, Lerntagebuch, Portfolio. Ein mittels dieser Techniken metakognitiv getragener Zugriff bei der Problemlösung sichert den substanziellen Lern- und Leistungsfortschritt. Ob er auch über Gehirnjogging zu erbringen ist, darf nach unseren ersten Ergebnissen zumindest infrage gestellt werden.

 

  • Teilnehmende in Kursen, in denen keine metakognitiven Techniken vermittelt werden (und die die Lernenden folglich auch nicht explizit und permanent anwenden können), erzielen im Durchschnitt keinen substanziellen Leistungsfortschritt. Die Vergleichsgruppe verbessert zwar ihr Testergebnis, allerdings lediglich im Rahmen der zuvor schon erreichten Leistungsstufe. Sie bleibt mit dem Mittelwert auf der zweiten - von vier - Leistungsstufen (Anwenden von Algorithmen) stehen.

 

  • Anders dagegen diejenigen Lernenden, die sich metakognitive Techniken intensiv aneignen können und in den betreffenden Kursen lernen, sie gezielt bei der Problemlösung einzusetzen. Die Versuchsgruppe erzielt einen qualitativen Kompetenzgewinn: Sie erreicht anfänglich im Mittelwert ebenfalls nur Leistungsniveau 2, hat aber über die Aneignung metakognitiver Kompetenzen den entscheidenden Schritt auf das nächst höhere Leistungsniveau, Niveau 3, geschafft.
  •  Dem immer wieder pauschal angebrachten Hinweis auf die prägende Kraft des Schulabschlusses ist entgegenzuhalten: Der Schulabschluss ist zumindest dann nicht als determinierend für die Performanz zu sehen, wenn er über metakognitiv getragene Lösungszugriffe abgeschwächt wird.

KLASSIK (Förderung kognitiver Leistungsfähigkeit im Alter zur Sicherung und Steigerung der Informationsverarbeitungskompetenz) lief von 2008 - 2011, wurde vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBF) gefördert und von der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE) Bonn
getragen. Die wissenschaftliche Begleituntersuchung erfolgte durch ein Team unter Leitung von Prof. Dr. Arnim Kaiser, Universität BW München.

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