Was ist Metakognition?

Das Konzept Metakognition

 

 

Statt die Frage, was der Begriff Metakognition bedeutet, abstrakt zu beantworten, analysieren wir Ausschnitte aus einem Thinking Aloud Protocol (TAP = Thinking Aloud Protocol). Beide TAPs haben wir im wissenschaftlichen Projektteam erstellt. Sie arbeiten mit folgendem Balkendiagramm.

TAP 1:

" (...)  in die Balken sind jeweils zwei Gruppen gepackt. Oben steht die Versuchsgruppe, das sieht man an der blauen Farbe. Also, der linke Balken ist deutlich kleiner als der rechte ... er geht nur bis etwa 100, der rechte dagegen geht bis rund 130. Was bedeuten die Zahlen? ... Klar, das ist die Anzahl, steht ja da. Und unter den Balken, auf  der x-Achse ist die Bedeutung der Balken angegeben, nämlich 'begrenzt' beziehungsweise 'entwickelt'. Das bezieht sich auf den Grad der Problemlösung. Und da ist einmal die Vergleichsgruppe in der Mehrzahl, also bei 'begrenzt'. Bei 'entwickelt' ist der Teil für die Versuchsgruppe größer. In der Versuchsgruppe verfügen also mehr Personen über einen entwickelten Grad der Problemlösung (...) ."

 

TAP 2:

"Vor mir liegt ein Balkendiagramm, das eher einfach aufgebaut und vermutlich leicht zu verstehen ist. Aber ich will trotzdem in Ruhe zunächst einmal möglichst vollständig die Informationen abrufen, die das Diagramm enthält. So bin ich sicher, nichts Wichtiges zu übersehen.

Ich sehe die üblichen Bestandteile eines Balkendiagramms, die Balken und ihre jeweilige Größe, die Legende, hier mit dem Verweis auf zwei Gruppen, blau die Versuchsgruppe, hellbraun die Vergleichsgruppe, die Kategorien auf der x-Achse und die Werte auf der y-Achse. Diese gehen von 0 bis 125 und geben die Anzahl an. Was genau damit gemeint ist, steht nicht da. Aber da es sich um Gruppen handelt, das sagt die Legende ja, müssen es Personen sein. Auf der x-Achse ist der Grad an Problemlösung aufgetragen, und die kann einmal begrenzt und zum andern entwickelt sein. Ich übersetze das für mich so: Der eine Balken zeigt, wieviele Menschen in der Lage sind, lediglich einfache Probleme zu bearbeiten, und der andere, wie hoch die Zahl derjenigen ist, die auch komplexere Probleme lösen können. Und bei letzterem liegt die Versuchsgruppe deutlich vorn, mit circa 70 Personen gegenüber nur 50 aus der Vergleichsgruppe - das stimmt doch? - Noch mal kurz die Rechnung: Rund 130 ist die Gesamtzahl, davon sind 50 aus der Vergleichsgruppe, also  gehören ... 80, genau! und nicht etwa nur 70 zur Versuchsgruppe. (...)"

 

 

Die Person im ersten TAP geht direkt auf die Aufgabe los, beschreibt kurz den Aufbau der Balken und vergleicht sie in ihrer Größe. Der x-Achse entnimmt sie die Bedeutung der Balken, fasst dann den rechten Balken in den Blick und hebt entsprechend dem optischen Eindruck hervor, dass in der Versuchsgruppe mehr Personen als in der Vergleichsgruppe über entwickelte Möglichkeiten der Problemlösung verfügen.

Die zweite Person schlägt einen anderen Weg ein. Bevor sie sich unmittelbar mit der Aufgabe beschäftigt, stellt sie einige Vorüberlegungen an.

Zunächst bedenkt sie kurz die Herangehensweise an die Aufgabe. Sie nimmt sich vor, als erstes alle im Diagramm  enthaltenen Informationen gezielt abzurufen. Man könnte hier von einem Planungsschritt sprechen.

Anschließend setzt sie die Planungsüberlegung um. Dazu ruft sie aus ihrem Wissensvorrat Kenntnisse über den Aufbau von Balkendiagrammen ab und präzisiert sie anhand des konkret vorliegenden Diagramms - etwa mittels der angegebenen Zahlenwerte. Man lönnte sagen, sie navigiert oder besser: steuert sich im Rückgriff auf ihr Wissen durch die Aufgabe.

Der Bearbeitungsprozess endet in einem wichtigen Schritt: Die Person prüft die Richtigkeit ihrer bislang angestellten Überlegungen, hier: die Korrektheit einer Rechnung zur Größe der Verteilung beider Gruppen. Und diese explizite Prüfung, dieser Kontrollschritt, macht sie auf einen kleinen Fehler in der Berechnung aufmerksam.

 

Zusammengefasst ist festzuhalten:

 

Die Person aus TAP 1 arbeitet eher planlos, schnell drauf los, mit einem nicht zuletzt durch dieses Vorgehen bedingten mageren Ergebnis.

 

Die aus TAP 2 dagegen plant ihr Vorgehen ausdrücklich, ruft in ihrem Langzeitgedächtnis vorhandenes Basiswissen über den vorliegenden Aufgabentyp - Balkendiagramm - ab, steuert unter Anwendung dieses Wissens durch die Aufgabe und kontrolliert abschließend explizit die ins Auge gefasste Lösung. Insgesamt ist ihre Lösung präziser als die von TAP 1 und über Zahlenbelege gestütz

 

Die bei TAP 2 aufgezeigten Schritte führen weitergedacht und verallgemeinert zu den Aspekten, die den Begriff Metakognition präzisieren.

 

 

Aspekte von Metakognition

Metakognition ist in zwei Bereiche auszudifferenzieren, in einen deklarativen und einen exekutiven (Flavell 1984; Kaiser, Kaiser 2006):

Als deklarativ wird Wissen über Metakognition bezeichnet. Es erstreckt sich auf die drei Größen Personen, Aufgaben und Strategien. Personbezogenes deklaratives Wissen umfasst Kenntnisse über eigene Lern- und Denkgewohnheiten, über die bei anderen beobachteten Vorgehensweisen sowie über menschliche Denkprozesse allgemein. Aufgabenwissen hält Informationen über Aufgabentypen und ihre jeweiligen Schwierigkeitsgrade bereit. Strategiewissen bezieht sich auf die Einsatz- und Leistungsmöglichkeiten der dem Einzelnen bekannten Verfahren.

 

Das abstrakte Wissen um Vorgänge ist die eine Sache, wichtig ist aber nicht zuletzt, es auch erfolgreich anwenden zu können. Dieser vom Wissen abzuhebende Umsetzungs- und Anwendungsvorgang wird als der exekutive Aspekt an Metakognition bezeichnet. Hier laufen drei ineinandergreifende Aktivitäten ab: Planung (planning), Steuerung (regulation) und Kontrolle (monitoring) der Denkabläufe.

 

Planung bedeutet, vorab den Zugriff auf eine Aufgabe und weiter die Auswahl von als geeignet angesehenen Strategien abzuklären. Steuerung beschreibt deren Umsetzung und damit den angemessenen Einsatz und die affine Reihenfolge der gewählten Strategien. Die Kontrolle schließlich setzt jeden Schritt in Beziehung zu den beabsichtigten und erwarteten Effekten. Sie prüft, ob auch tatsächlich alle der Aufgabe entnehmbaren und dem sie Lösenden bekannten Informationen abgerufen sind, ob Zwischenziele erreicht wurden, die ausgewählten Strategien sich als wirkungsvoll erwiesen, oder nicht doch besser Alternativstrategien einzusetzen wären. Die Kontrolle – so belegen empirische Studien – ist die vielleicht mächtigste Aktivität zur Optimierung von Denken und Problemlösen (Son, Schwartz 2002).

 

Erklärende Kurzinfos

Thinking Aloud Protocol (TAP)

Wie entsteht ein Lautes-Denken-Protokoll? Ganz einfach, indem Personen aufgefordert werden, alles so genau wie möglich mitzuteilen, was sie gerade bei der Bearbeitung einer Aufgabe denken. Die Äußerungen werden auf Tonträger festgehalten, anschließend transkribiert und können dann im Detail beispielsweise auf ihre metakognitiven Elemente hin analysiert werden.

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